Die pflegerische Versorgung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Dem Gesetz (§ 8 SGB XI) nach sollen Länder, Kommunen, Pflegeeinrichtungen und Pflegekassen gemeinsam darauf hinwirken, eine "leistungsfähige, regional gegliederte, ortsnahe und aufeinander abgestimmte ambulante und stationäre pflegerische Versorgung zu gewährleisten".
 
Grundlage für jede Analyse der Ist-Situation und für die Planung der pflegerischen Versorgung in der Zukunft sind Zahlen. Es sollte so genau wie möglich hingeschaut werden, um die notwendige Versorgungssicherheit  - auch im besonderen Falle der Demenz - zu gewährleisten.

Demenz ist keine meldepflichtige Krankheit, daher sind die Zahlen nicht durch eine Diagnose abgesichert; sie werden vielmehr auf der Basis statistischer Daten ermittelt. Da es sich um eine typische Alterskrankheit handelt, steht die Gruppe der älteren Menschen und der demografische Wandel im Fokus. Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Häufigkeit von Demenzerkrankungen ab dem 65igsten Lebensjahr kontinuierlich steigt und sich etwa alle 5 Jahre verdoppelt. Es wurde festgestellt, dass in der Gruppe der 65-69Jährigen etwa 1,6% Menschen an einer Demenz erkrankt sind; bei den über 90Jährigen  ist bereits mit 40,95% zu rechnen. Es ist zu beachten, dass viel mehr Frauen an einer Demenz erkrankt sind als Männer, vor allem weil sie eine höhere Lebenserwartung haben. 

Der Krankenanteil in den Altersgruppen (Prävalenzrate) wird regelmäßig nach wissenschaftlichen Standards überprüft und aktualisiert. Dadurch ist es möglich, relativ zuverlässig die Anzahl der Menschen mit Demenz für ein bestimmtes Gebiet abzuschätzen, indem man die genaue Altersstruktur dieses Gebietes betrachtet und die Krankenzahlen mit Hilfe der Prävalenzraten berechnet. 

Der Anteil der Neuerkrankungen (Inzidenzrate) wird ebenfalls durch die Studien ermittelt. Demnach gibt es in jeder Altersgruppe einen spezifischen Anteil von Menschen, bei denen im Laufe eines Jahres das erste Mal eine Demenz festgestellt wird. 
 
Auf der anderen Seite sterben natürlich viele alte Menschen mit Demenz; deren Anzahl kann nur geschätzt werden. Wenn in einem Jahr die Anzahl der Neuerkrankungen höher ist als die der Todesfälle, steigt die Gesamtzahl der Menschen mit Demenz. Das ist bereits seit einigen Jahren der Fall, wird aber in den kommenden Jahren noch stark zunehmen, weil die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge in das Alter kommen, wo Demenzerkrankungen eine große Rolle spielen. Derzeit rechnet man in Deutschland mit ca. 1,6 Mill. Menschen mit Demenz. Wenn nichts Gravierendes in Forschung und Wissenschaft geschieht - und wenn nicht andere, z.B. Krebs-Erkrankungen dazu führen, dass die Lebenserwartung der Menschen wieder sinkt - ist bis 2050 mit einer Verdoppelung der Zahlen zu rechnen.  

Stadt Oldenburg
  • Krankenzahlen Legt man die Altersstruktur der Stadt Oldenburg, (Datenblätter "Einwohner nach Lebensalter, Familienstand und Geschlecht" Stand 12/2017) und die üblichen Prävalenzraten nach Bickel zugrunde, muss derzeit mit annähernd 3.000 Menschen mit Demenz gerechnet werden. Interessant ist der deutliche Unterschied zwischen Frauen und Männern; ca. 2/3 der Menschen mit Demenz sind Frauen. Betrachtet man die Anzahl der Frauen und Männer mit Demenz noch genauer und schaut dabei auch auf den Familienstand, wird es besonders interessant. Die Anzahl der verheirateten Frauen und Männer ist fast gleich. Der große Unterschied in der Häufigkeit ergibt sich ausschließlich aus dem Bereich der ledigen, geschiedenen und verwitweten Frauen und Männer. Daraus kann man schließen, dass das schwierige Thema "alleinlebende Menschen mit Demenz" überwiegend Frauen betrifft. Die Anzahl der jährlichen Neuerkrankungen dürfte in der Stadt Oldenburg bei etwas über 700 liegen.
  • Beratungsstellen Die Anzahl der Neuerkrankungen gibt insbesondere auch Aufschluss darüber, welcher Beratungsbedarf in der frühen Phase der Erkrankung vorliegt. Betroffene und ihre Angehörigen können ohne Beratung die ihnen zustehenden Hilfen nicht finden. Hohen Beratungsbedarf gibt es zudem, wenn die Grenzen der ambulanten Versorgung in der eigenen Häuslichkeit erreicht werden; hierüber sind uns keine Zahlen bekannt. Die Errichtung des Pflegestützpunktes (2014) war ein wichtiger Schritt, um eine große Versorgungslücke bei der Beratung zu schließen. Inzwischen gibt es mehrere Beratungsstellen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, auch in einigen Quartieren. Eine Evaluierung der Gesamtsituation wäre hilfreich.
  • Ambulante Pflegedienste Es gibt derzeit 27 ambulante Pflegedienste, die für Menschen mit Demenz zur Verfügung stehen. Die Anzahl der ambulant versorgten Menschen mit Demenz, die diese Hilfen in Anspruch nehmen, ist uns nicht bekannt. Es ist aber allgemein bekannt, dass die ambulanten Pflegedienste größtenteils ausgelastet sind. Einige der Pflegedienste haben zudem ihr Angebot in der letzten Zeit wegen Personalmangels reduzieren müssen.
  • Niedrigschwellige Entlastungsangebote Grundsätzlich können die Entlastungsleistungen der Pflegeversicherung bei den meisten ambulanten Pflegediensten beauftragt werden, allerdings zu erheblich höheren Preisen als bei denjenigen Institutionen, die geschulte Ehrenamtliche (gegen eine geringe Aufwandsentschädigung) vermitteln. Bei unserer Recherche haben wir 7 Einrichtungen ermittelt, die im Umgang mit Demenz geschulte Ehrenamtliche vermitteln, bzw. bei der Gruppenbetreuung einbeziehen. Soweit bekannt gibt es nur selten freie Plätze.
  • Teilstationäre Tagespflege In der Stadt gibt es derzeit 6 Tagespflegeeinrichtungen, mit insgesamt 1o8 Plätzen. Soweit bekannt, sind alle ausgelastet. Die Tagespflege ist in der häuslichen Situation ein besonders wirksames Entlastungsangebot, das zudem von der Pflegeversicherung durch besondere Leistungen gefördert wird. Es sollte angestrebt werden, dass alle, die es benötigen, einen Platz in einer Tagespflegeeinrichtung bekommen können.
  • Ambulant betreute Wohngemeinschaften Es gibt in Oldenburg derzeit 5 ambulant betreute Wohngemeinschaften speziell für Menschen mit Demenz. Diese bieten insgesamt 49 Bewohnern eine professionelle sichere Rund-um-die Uhr-Versorgung. (Eine weitere Wohn-Pflege-Gemeinschaft hat ein anderes Klientel im Fokus, und Demenz gilt als Ausschlusskriterium bei der Neuaufnahme), die Bewohner können aber in der Wohngemeinschaft verbleiben, wenn sie im Laufe der Zeit dement werden.
  • Stationäre Versorgung Es gibt in der Stadt 22 stationäre Pflegeheime, die Menschen mit einer Demenz aufnehmen, mit insgesamt 1.689 Plätzen. Eine spezielle Einrichtung für Fachpflege Demenz, die mit einem erhöhten Personalspiegel arbeitet, gibt es in der Stadt nicht, sondern nur im Umland. Die stationären Einrichtungen in Oldenburg sind auf die Versorgung von Menschen mit Demenz unterschiedlich eingestellt. Unsere eigene Heimbefragung (2014) hat ergeben, dass Demenzbereiche sich meistens im Obergeschoss der Häuser befinden; es handelt sich dabei aber nicht um besonders kleine Wohngruppen mit einem erhöhten Personalschlüssel, wie es bei speziellen Facheinrichtungen üblich ist, sondern um normale Wohnbereiche, in denen Menschen mit Demenz separat, ggf. mit einem besonderen Programm betreut werden. Nur vereinzelt gibt es in Oldenburg einen frei zugänglichen gesicherten Außenbereich für Heimbewohner, die noch mobil sind, sich aber nicht mehr orientieren können. Die Ergebnisse unserer Recherche haben wir in Steckbriefen für die einzelnen Häuser zusammengefasst.
Es zeichnet sich ab, dass es in Oldenburg sowohl an Kurzzeitpflegeplätzen als auch an stationären Facheinrichtungen für Menschen mit Demenz fehlt. Dass es bei der nächtlichen Versorgung im häuslichen Bereich keine Hilfen gibt, ist ein bundesweites Problem.
 
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